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Diplomarbeit zur psychischen/psychotherapeutischen Seite von Shiatsu
Die Auseinandersetzung mit qualitativen
Forschungsarbeiten kann schon anstrengend sein! Diese Studien
erschließen sich einem umso mehr, je eher man bereit ist, sich mit den
einzelnen Interviews zu befassen. Die zusammengefassten Ergebnisse
hingegen klingen sehr allgemein, sind meist eher eine Bestätigung
dessen, was man sowieso schon einmal gedacht hat. Oder dessen, was man
sich hätte zumindest denken können.
Genauso
ist es im Fall meiner Diplomarbeit: Viele Seiten dick geworden kann sie
einen guten Einblick geben in das, was KlientInnen im Shiatsu erleben.
Sie kann einen Eindruck vermitteln von den Möglichkeiten, Shiatsu im
Bereich der Psychotherapie und Lebensberatung einzusetzen. Sie kann
Anregungen geben für eine Diskussion, was Ganzheitlichkeit denn konkret
bedeutet, wenn im Shiatsu Seelisches und Psychisches Thema werden.
Alles am Beispiel von sechs Menschen und ihrem Erleben.
Sie
und Dich möchte ich zur Lektüre meiner Arbeit einladen und ein wenig
Werbung machen für den ersten Teil der sog. ESF-Studie. Mir klingen
Äußerungen von Shiatsu-PraktikerInnen in Nebengesprächen auf einem
GSD-Kongress nach, die sehr abfällig bewerteten, wie wenig in der
Forschung von Mackay/Long herausgekommen sei. Erstaunlicherweise sind
nicht wenige der alternativ-medizinischen Shiatsus sehr offen gegenüber
statistischen Zahlenergebnissen. Zwar wird in jenen quantitativen
Studien genau das gemacht, was wir unseren Kunden ersparen wollen: es
wird solange vereinfacht, bis alles zählbar und ver-/berechenbar
geworden ist. Aber dafür sind die Ergebnisse so schön genau! So genau
wie die Diagnostik der westlichen Medizin. Und leider manchmal genauso
fern vom Leben wie ebendiese.
Dies musste
ich vorausschicken, um meinen Widerwillen verständlich zu machen, mit
dem ich jetzt die gekürzte Kurzform meiner „Ergebnisse“ nenne. Aus den
sechs von mir geführten halbstrukturierten klientenzentrierten und rund
anderthalbstündigen Interviews lässt sich u.a. folgendes ableiten
(interessant sind vor allem die Punkte 7 und 8 sowie 10 bis 13):
| 1. |
Die
Beziehung zu ihrer Shiatsu-Praktikerin kann eine zentrale Bedeutung
haben. Im Vordergrund können neben einem klaren und achtsamen Gegenüber
Vertrauenswürdigkeit, Behandlungsqualität und Eingehen auf die Einzelne
stehen. |
| 2. |
Menschen
können sehr unterschiedliche Qualitäten von Shiatsu erfahren: von einem
'Wohlfühl-Shiatsu' über eine Methode gegen körperliche Beschwerden bis
hin zu einer Arbeit an psychischen und spirituellen Lebensfragen und
-problemen. |
| 3. |
Shiatsu kann Teil eines Wandlungsprozesses sein, an dem auch andere Einflüsse und (Heil-) Methoden beteiligt sind. |
| 4. |
Menschen
können von Shiatsu von Anfang an so begeistert sein, dass sie eine hohe
Behandlungsmotivation entwickeln. Die Behandlungen können so angenehm
und bereichernd sein, dass Shiatsu zu einer veränderten Haltung
gegenüber körperlichen und seelischen Beschwerden beitragen kann.
Insbesondere der Wunsch nach einer schnellen Lösung kann so einem
geduldigen und aktiven Arbeiten an den eigenen Stärken und Schwächen
weichen. |
| 5. |
Menschen, die zum Shiatsu kommen, können die Überzeugung oder Erfahrung
mitbringen, dass es psychosomatische Zusammenhänge zwischen Körper und
Psyche gibt. Sie können gleichzeitig auch ihre Zweifel an dieser
Sichtweise haben. Es kann sein, dass eine vorhandene 'ganzheitliche'
Überzeugung durch eine quasi-körperliche Erfahrung dieser Beziehung von
Körper und Psyche in den Shiatsu-Behandlungen vertieft wird. |
| 6. |
Es kann sein, dass Shiatsu neben einem über Tage anhaltenden
körperlichen Wohlbefinden und tiefer Entspannung sowie einer geänderten
Wahrnehmung für den eigenen Körper bei unterschiedlichen körperlichen
Beschwerden Linderung oder Heilung bewirkt. (...) Shiatsu kann auf
unterschiedliche Weise schmerzhaft sein. Menschen können eine bestimmte
Art von Schmerz als produktiv und heilsam erleben. |
| 7. |
a)
Im Shiatsu können verschiedene psychische Aspekte mit unterschiedlichem
Erfolg behandelt werden: Es kann dabei wesentlich um Entspannung und
Ausgleich zum (Arbeits-) Alltag gehen. Es kann aber auch die
Befriedigung defizitärer menschlicher Grundbedürfnisse im Vordergrund
stehen. Oder ganz konkrete psychische Themen wie Traumata bearbeitet
werden. Aber bereits das Sich-Einlassen auf körperliche Berührung und
Nähe an sich oder das Finden einer Balance zwischen (ungewohnter)
Passivität und Aktivität in der 'Patientenrolle' können eine psychische
Herausforderung sein. Menschen kann der Übergang hin zu einer psychisch
orientierten Arbeit im Shiatsu unterschiedlich gut gelingen. Dabei kann
es zu Reaktionen kommen, die an 'Abwehr' im psychoanalytischen Sinne
erinnern, bis hin zum (fast vollzogenen) Therapieabbruch. Weiter können
folgende für eine psychotherapeutische Beziehung typische Dynamiken
beobachtet werden: psychische Lockerung, Regression in die Kindheit,
der Behandlerin gefallen wollen.
b) Individuelle Reaktionen während der Behandlung können in einen
haltgebenden Rahmen von Vor- und Nachgespräch eingebettet sein.
Langfristig kann Shiatsu so zu einer bewussteren Eigenwahrnehmung und
einer größeren Offenheit gegenüber Veränderungsprozessen führen.
Selbstvertrauen und Selbstsicherheit können steigen. Psychische
Probleme können dann einen regelrecht körperlichen Leidensdruck
verursachen. Es kann sein, dass Menschen eigene Muster mit ihren
körperlichen Auswirkungen erkennen und wandeln. Oder, dass sie lernen,
ihre Grenzen besser zu wahren. Auch der Umgang mit Schmerz kann sich
ändern.
c) Es kann sein, dass Shiatsu 'unterschwellige Prozesse' anregt, die
sich nur schwer beschreiben lassen, von denen nur kleine Zeichen
sichtbar sind. Es kann sein, dass diese mit einem bestimmten
Bewusstseinszustand während der manuellen Behandlung in Verbindung
stehen. |
| 8. |
Es
kann sein, dass im Shiatsu ein zwischenmenschlicher Kontakt jenseits
des Verbalen zustande kommt. Und dass Menschen nur begrenzt in Worte
fassen können, was während des manuellen Behandlungsteils geschieht. Es
kann sein, dass sie diese nonverbale Verständigung im Shiatsu mit
Erfahrungen aus dem Kampfsport vergleichen. Sie kann beschrieben werden
mit: schnell, ungenau (insbesondere in der Trennung von eigenem Anteil
und Information von außen), notwendig als Basis für
entwicklungsfördernde zwischenmenschliche Kommunikation. Am ehesten
kann eine Umschreibung als 'Energie' erfolgen. |
| 9. |
Im
Shiatsu kann das Gespräch eine zeitlich untergeordnete Rolle spielen.
Es kann aber auch ähnlich viel Raum einnehmen wie die manuelle
Behandlung, insbesondere in Krisensituationen. Es kann der Ort für eine
bewusste Auseinandersetzung mit körperlichen und psychischen Themen
sein. Die Shiatsu-Praktikerinnen können Hinweise und Übungen für
Zuhause vermitteln. Dabei können sowohl die Problemlösungen als auch
der zwischenmenschliche Kontakt stark 'körperlich' (leiblich) geprägt
sein. Informationen zu Befinden, Beschwerden, Erleben der letzten Zeit
und Behandlungswünschen aus den Vorgesprächen können Grundlage sein für
die anschließende manuelle Behandlung. Im Nachgespräch kann ein
gegenseitiges Feedback erfolgen. Die Behandlung kann dort so abgerundet
werden, dass die Menschen wieder 'gut' in ihren Alltag zurückkehren
können. Es kann sein, dass Klientinnen nicht bereit sind, sich in die
Fachsprache der Traditionellen Chinesischen Medizin einzuarbeiten, dass
sie aber die Hinweise gut verstehen bzw. verständlich vermittelt
bekommen. |
| 10. |
Menschen
kann im Shiatsu die innere Haltung und der Fokus der Behandlerin
wichtiger sein als Technik oder behandelte Körperstelle. Das Interesse
für diese Aspekte von Shiatsu kann eher gering sein. Menschen können
dennoch eine Reihe von Aussagen darüber machen, wo sie individuell
verschieden Techniken oder Körperstellen als körperlich oder psychisch
wirksam erlebt haben. Es kann sein, dass eine psychische Wirkung vor
allem im (oberen) Rücken und im Nacken erzielt wird, vor allem durch
haltende, flächige oder ausstreichende Techniken mit viel
Körperkontakt. Sie können körperliche 'Signalgeber' an sich kennen
lernen, die nicht den zu behandelnden Stellen entsprechen. Sie können
erfahren, wie sie von einem symptomfernen Körperteil aus behandelt
werden oder Verbindungen und Zusammenhänge in ihrem Körper wahrnehmen. |
| 11. |
Es
kann sein, dass Menschen psychische Veränderungen durch Shiatsu erleben
und der Methode eine Reihe von psychischen Wirkungen zuschreiben. Es
kann sein, dass sie die Notwendigkeit verbaler Reflexion für
psychotherapeutische Erfolge als starre Regel infragestellen und selbst
Körperkontakt therapeutisch einsetzen. Menschen können Shiatsu als
Psychotherapie dennoch ablehnen und tendenziell eher körperlich
orientierte Behandlungsschwerpunkte wählen. Oder es kann sein, dass sie
zumindest mit dieser Gewichtung auf Shiatsu zugegangen sind. |
| 12. |
Shiatsu
kann für Menschen die Rolle einer Wegbereiterin haben, die sie
motiviert und vorbereitet, ihre Probleme psychotherapeutisch
aufzuarbeiten. Es kann sein, dass Menschen vorher nicht bereit gewesen
wären, zu einer Psychotherapeutin zu gehen. |
| 13. |
Es kann sein, dass Menschen gute Erfahrungen gemacht haben mit einer
Verbindung von Shiatsu und Psychotherapie. Es kann sein, dass sie dabei
von einer Shiatsu-Psychotherapeutin behandelt werden. Es kann sein,
dass sie zwei völlig unterschiedliche Therapiebeziehungen eingehen.
Menschen können eine Reihe von Vorschlägen entwickeln, worauf bei der
Kombination der Methoden geachtet werden sollte. |
Dieser Artikel wurde 2006 veröffentlicht unter http://www.shiatsu-austria.at/newsletter/newsletter_118.htm#2
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